07.01.2012 // 18:05 Uhr
 

Benni "fliegt" über Gießen

Gießen. Sie ist neun Meter hoch, drei Meter breit und 20 Meter lang – die Skisprungschanze, die Hartmut Hettich und sein Team für das verkaufsoffene Wochenende in der Löwengasse in Gießen aufgebaut haben. Und ich durfte sie hinunterbrausen – oder besser, schlingern.

Langsam kippe ich nach vorne. Hoppla, so steil wie von hier oben auf der Schanze hatte ich mir das nicht vorgestellt. Die Zuschauer links und rechts der Auslaufzone sind auf Zinnfigurengröße geschrumpft. „So, jetzt einfach nach vorne lehnen und laufen lassen“, sagt Simon. Der 18-Jährige steht hinter mir und hält mich an der Hüfte fest. Der hat leicht reden, denke ich. Schließlich ist er selbst Skispringer.

Simon und seine Kollegen sind seit Donnerstagmorgen in Gießen. Mit Kunstschnee aus den Skihallen in Bottrop im Ruhrgebiet und Neuss bei Düsseldorf haben sie sie gebaut, denn das mittelhessische Wetter spielt nicht mit. Regen statt Schnee. Das verzögert den Aufbau, eigentlich sollte die Schanze am Samstag bereits um 10 Uhr sprungbereit sein. „Eine halbe Stunde noch, dann sind wir soweit“, sagt Betreiber Hartmut Hettich, als ich pünktlich um 10 Uhr in der Löwengasse eintreffe. Mit Skiern tritt er den aufgetürmten Schnee im Auslaufbereich der Schanze  platt, damit die Springer nicht über eine Buckelpiste ausfahren müssen.

Als Simon mich loslässt, interessiert mich der Auslaufbereich wenig. Ich versuche erstmal, in der Spur zu bleiben. Die besteht aus Kunststofffasern, links und rechts davon sind Holzleisten angebracht. „Du musst die Skier nach außen gegen die Leisten drücken“, hat Simon mir erklärt. Ich tue, wie mir befohlen. Und siehe da, es geht. Langsam nehme ich Tempo auf, die ersten Meter sind überstanden.

Für Skifahrer mit normaler Erfahrung ist die Schanze kein Problem, hat mir Hartmut Hettich erklärt. Und für den Fall der Fälle sind die Jungs an der Schanze gut ausgerüstet, denn ohne Helm geht nichts. Der rosa-blaue Kopfschutz, den ich trage, ist dazu noch von historischer Bedeutung: „Hans-Jörg Jäkle trug ihn 1994 in Lillehammer, als er mit der deutschen Mannschaft im Springen Gold holte“, so Hettich. Jäkles Helm auf dem Kopf – da kann doch nichts mehr schief gehen. Denkste! Das Talent des Schonauers geht nicht auf mich über. Denn nachdem die ersten Meter auf der Schanze gut gelaufen sind, fühle ich mich zu sicher.

Von der Rücklage in den Sturz – und die Zuschauer grinsen sich eins

Ich gerate in Rücklage, mein rechter Ski gleitet über die Führungsleiste hinaus. Ich habe Mühe, mich zu halten. Planänderung: kein Schanzenrekord, sondern nur irgendwie unten ankommen.

Denn mittlerweile hat sich in der Löwengasse eine respektable Menschenmenge versammelt und vor der will ich mich nicht blamieren. Unter den etwa 150 Zuschauern  ist Werner Weigelt, Vorsitzender des Hessischen Skiverbandes. „In Willingen gibt es ein Internat des Verbandes, dort bilden wir auch Skispringer aus“, wird er mir später sagen. Diese Info hätte ich mal früher gebraucht, dann hätte ich geübt. Denn mein rechter Ski will nicht in die Spur zurück. Also Augen zu und durch. Die Skier  laufen lassen. Dann die Kante. Ich fliege – aber nicht weit.

Nach knapp drei Metern hat mich der nasskalte Schnee wieder. Und was ich beim Absprung befürchtet habe, erfüllt sich bei der Landung. Ich komme in Rücklage und stürze. Eine Auslaufzone hätte es für mich nicht gebraucht. Zu allem Überfluss kriege ich beim Rutschen einen Linksdrall und räume Hartmut Hettich im Auslaufbereich fast ab. Der nimmt es mit Humor, genau wie die Menge. Statt tosendem Applaus grinsen sich die Zuschauer eins. Ich kann es ihnen nicht verdenken, denn galant war meine Einlage nicht, bestenfalls unterhaltsam. Vielleicht kann ich bald das ändern: „Sie können gerne mal  zum Üben ins Internat kommen“, bietet mir Werner Weigelt nach der Landung an.
Herausforderung angenommen und bis bald in Willingen!

Schaut euch die Bilder zu Bennis Mutprobe an!

 
geschrieben von Benjamin Hofmann

Foddos zum Artikel

 
Ein Helm mit Geschichte. 1994 schützte er den Kopf eines Olympiasiegers, 2011 den von midde-Macher Benni! (Foto: Ohlwein)
Ein Helm mit Geschichte. 1994 schützte er den Kopf eines Olympiasiegers, 2011 den von midde-Macher Benni! (Foto: Ohlwein)

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